16/06/2006
Schluss mit lustig: Neue Puritaner plädieren für Konsumbeschränkungen
Jeder dritte Europäer ist dafür, dass der Staat gegen den häuslichen Alkoholkonsum vorgeht. Süßes in der Schule, Schokolade im Krankenhaus, schnelle Autos, internationale Flüge - alles mögliche Angriffsziele der "Neuen Puritaner".
Hamburg, 13. Juni 2006. Immer mehr Konsumkritiker wollen ihren Mitbürgern in Europa offenbar den Spaß verderben. Das ist das Ergebnis einer europaweiten Studie über das Kaufverhalten und die Meinungen von Verbrauchern, die das Marktforschungsinstitut Future Foundation, ein Unternehmen der Experian®-Gruppe, jetzt vorgelegt hat.
Der Kurzurlaub mit dem Billigflieger, der Genuss eines Schokoriegels und das Gläschen Wein im trauten Heim - geht es nach der wachsenden Minderheit von Konsumkritikern, könnte all das schon bald verpönt, wenn nicht gar verboten sein. Die von Future Foundation als "Neue Puritaner" bezeichneten Konsumkritiker haben es sich zur Aufgabe gemacht, legitime Freizeitinteressen und Verhaltensweisen, die unlängst noch Privatsache waren, anzuprangern. Die Untersuchungsergebnisse belegen, dass immer mehr Europäer die Ansichten der Neuen Puritaner teilen.
Die Studie zeigt:
- 36 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass ihre Regierung gegen den häuslichen Alkoholkonsum mit Kampagnen vorgehen sollte;
- 43 Prozent waren der Meinung, dass alle Süßigkeiten, Limonaden und Colagetränke aus Schulen verbannt werden sollten;
- 33 Prozent waren der Ansicht, dass Fahrzeuge mit Allradantrieb sowie Geländewagen in Großstädten verboten werden sollten.
Besonders auffällig ist, dass sich die neuen Konsumkritiker auch einmischen, wenn sie selbst gar nicht direkt betroffen sind. So vertraten beispielsweise 42 Prozent der Befragten in kinderlosen Haushalten den Standpunkt, dass Schulleiter alle Arten von Süßigkeiten aus den Schulen verbannen sollten. Beim Thema Geschwindigkeitsbegrenzung verhält es sich ähnlich. 38 Prozent der befragten Europäer ohne Auto sprachen sich für ein niedrigeres Tempolimit auf Autobahnen aus. Auch unter den Deutschen, die kein Auto besitzen, liegt dieser Anteil bei 39 Prozent. Bei den Süßigkeiten geben sich die Deutschen dagegen toleranter als ihre europäischen Nachbarn: Nur 19 Prozent der Deutschen ohne Kinder wollen ein Verbot von Süßigkeiten in der Schule.
Mehr als die Hälfte der europaweit Befragten (53 Prozent) fordern Einschränkungen bei mindestens zwei Verhaltensweisen, zu denen sie befragt wurden. Weitere 6,5 Prozent würden es begrüßen, wenn jede dieser Verhaltensweisen gewissen Einschränkungen unterläge. In Deutschland gehören 6 Prozent zu dieser Fraktion von Hardlinern, während "nur" 39 Prozent der Deutschen bei immerhin zwei Aktivitäten ihren Zeitgenossen den Spaß verderben wollen.
Elmo Hagendorf, Geschäftsführer von Experian Deutschland, dazu: "Eine steigende Anzahl von Verbrauchern ist bereit, in solchen Angelegenheiten öffentlich Stellung zu beziehen, die bislang der persönlichen Entscheidungsfreiheit jedes Einzelnen überlassen waren. Das hat enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes, aber auch für die Verantwortlichen in Marketing und Verkauf. Die Neuen Puritaner machen persönliche Vorlieben zu öffentlichen Angelegenheiten, die aus ihrer Sicht ein politisches Eingreifen von Gesellschaft und Staat erfordern."
Future Foundation steht Marketingverbänden und Unternehmen beratend zur Seite und hilft ihnen, die neuen Moralapostel, ihre Themen und die von ihnen ausgehende Macht zu erkennen. Mehrere Branchen - darunter die Hersteller und Vertreiber von alkoholischen Getränken, von Süßwaren sowie die Automobilbranche - bekommen den Druck bereits zu spüren, den die Konsumkritiker ausüben. Aber auch andere Wirtschaftszweige sind gegen ihre Vorstöße nicht gefeit. Unternehmen müssen ein Gespür für ihre Märkte entwickeln und darauf achten, welche Themen sich zu "Konsumhemmern" entwickeln könnten.
Zwar stimmen fast 44 Prozent der Befragten aus ganz Europa bei nahezu allen Fragen nicht mit den Neuen Puritanern überein, doch können letztere bei manchen Anliegen durchaus auf Unterstützung zählen. In Deutschland müssen immerhin 45 Prozent der Befragten als potenzielle Unterstützer der Neuen Puritaner gelten. Marketingexperten sollten also sicherstellen, dass ihre Botschaft insbesondere in diesem umkämpften Segment ankommt.
"Die Neuen Puritaner meinen, sie hätten die moralische Verpflichtung, andere von den Gefahren, negativen Auswirkungen und der Gewissenlosigkeit ihrer persönlichen Entscheidungen zu überzeugen", erklärt Hagendorf. "Selbst wenn wir uns mit ihnen in manchen oder sogar in allen Punkten einig sind: Marketingexperten und die gesamte Gesellschaft müssen sich des zunehmenden Einflusses der Neuen Puritaner auf Medien, Gesellschaft und Regierungen bewusst sein und Strategien erarbeiten, um diesem Trend zu begegnen."
Zur Studie:
An der Untersuchung nahmen 11.000 Erwachsene in 14 europäischen Ländern teil. Sie waren älter als 15 Jahre bzw. in den skandinavischen Ländern zwischen 16 und 64 Jahre alt. Die Antworten sind sowohl online als auch in Telefoninterviews erhoben worden.
